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Psyche und Krebs

Die Krebspersönlichkeit: Einem Mythos auf der Spur

Die Annahme, dass psychische Faktoren wie Depression, Stress oder Trauma mitverantwortlich seien für die Enstehung einer Krebserkrankung, ist unter Betroffenen sowie Angehörigen weit verbreitet. Doch ist dem wirklich so? Wir klären Sie auf, wieso diese Annahme so fest in der Bevölkerung verankert ist und was fundierte Studien über dieses Thema aussagen.

Bereits in der Antike führte Mark Aurels Leibarzt Galenus schwere Erkrankungen wie Brustkrebs auf eine negative Stimmungslage zurück – eine Theorie, die im Laufe der Zeit immer wiederkehrte und sich in der Wahrnehmung der Bevölkerung festigte. Im 20. Jahrhundert wurde die These, dass die Psyche verursachender Faktor einer Krebserkrankung sei, von Studien gestützt und bald als Tatsache angesehen. Darüber hinaus wurde sie um die sogennante Krebspersönlichkeit erweitert, die besagt, dass es Menschen gäbe, die auf Grund ihrer negativ eingestellten, ängstlichen Persönlichkeit anfälliger für Krebserkrankungen seien.

Mittlerweile ist bekannt, dass besagte Studien oft rückwirkend zu einer Erkrankung angefertigt wurden oder auf Grund von zu kleinen Stichproben und methodischen Unsauberkeiten nicht als korrekt und somit nicht als stichhaltig gelten können. Erkrankte wie Gesunde nehmen dieses Konstrukt jedoch nach wie vor gerne an, weil:

  • impliziert wird, dass nur bestimmte Menschen krank werden.

  • Nichtbetroffene sich sicherer fühlen nicht zu erkranken.

  • Betroffene eine gewisse Mitverantwortung tragen und somit Kontrolle zurückerlangen (liefert Antowort auf:„Warum ich?“, „Was habe ich falsch gemacht?“).

  • es ein Ansatz ist, die Krankheit zu erklären.

Letztendlich handelt es sich dabei also um den Versuch, die durch die Diagnose aus den Fugen geratene Welt wieder gerade zu rücken bzw. sich selbst von der Möglichkeit einer Erkrankung zu distanzieren.

Die Krebspersönlichkeit gibt es nicht.

Mittlerweile gibt es neue, großangelegte Studien zu dem Themengebiet. Eine wegweisende Untersuchung ist die französische Studie, die den Zusammenhang zwischen Depression und Krebs bei Mitarbeitern des Gas- und Elektronikkonzerns GAZEL untersuchte. Dabei wurden die klinischen Daten von mehr als 14.000 Mitarbeitern über einen Zeitraum von 15 Jahren (1994-2009) erfasst und ausgewertet. Das Ergebnis lautet: Es war kein Zusammenhang zwischen Depression und Krebs feststellbar.

Auch die immer wieder zitierte Krebspersönlichkeit ließ sich in Studien nicht nachweisen. Das Risiko, an Krebs zu erkranken ist für psychisch stabile, zufriedene Menschen genauso hoch wie für Menschen mit einer negativen Grundhaltung. (siehe Buch von Reinold Schwarz: Die Krebspersönlichkeit – Mythos und klinische Realität)

Allenfalls kann eine lang andauernde deprimierte, negative Stimmung indirekt auf das Krebsrisiko einwirken. Depressive, traumatisierte sowie gestresste Menschen neigen eher dazu, sich beispielsweise ungesünder zu ernähren oder mehr Alkohol oder Nikotin zu konsumieren. Dies sind Aspekte, die eine Krebsentstehung begünstigen, nicht jedoch die psychischen Faktoren an sich.

Auf Grund der fälschlichen Annahme eines direkten Zusammenhangs von Psyche und Krebserkrankung sind viele Menschen der Meinung, mit einer positiven Einstellung könne man den Krebs überwinden. „Du musst jetzt positiv denken!“ hören Krebspatienten deswegen sehr häufig. Das ist sicherlich gut gemeint und mag dem ein oder anderen auch Mut geben. Oft bewirkt der Satz für Krebspatienten aber genau das Gegenteil. Denn natürlicherweise sind sie zunächst und mehr als sonst traurig, ängstlich oder wütend über die ungeliebte Situation, in die sie geschleudert worden sind. Durch das „Du musst jetzt positiv denken!“ fühlen sie sich eher noch mehr unter Druck gesetzt und haben schon wieder das Gefühl, nicht alles richtig zu machen. Durch positives Denken entsteht also keinesfalls ein Vorteil. Psychisch labile Patienten, Menschen mit Depressionen oder Angst leben genauso lange wie die Anderen, es sei denn, dass sie sich aufgrund ihrer psychischen Situation aus einer Behandlung zurückziehen. Allerdings erhalten psychoonkologisch betreute Krebspatienten überzufällig häufig eine bessere medizinische Behandlung – vielleicht weil sie sie mit Unterstützung besser durchhalten können.

Jeder Patient geht unterschiedlich mit seiner Lage um und muss seinen individuellen Weg finden. Natürlich wirkt sich eine optimistische, weltzugewandte Haltung positiv auf die Lebensqualität aus und ist schon allein deshalb jedem Menschen zu wünschen, notwendig ist sie aber nicht. Mittlerweile können Krebspatienten und ihre Familien Psychoonkologen zu Rate ziehen, die sich auf die Ausnahmesituation Diagnose Krebs spezialisiert haben.

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